| Ist Doping ein Phänomen des russischen Sports? |
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| Geschrieben von: hg |
| Mittwoch, 14. Oktober 2009 um 16:02 |
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Ständig werden neue Fälle von Sportlern bekannt die mit der Einnahme von unerlaubten Substanzen versucht haben oder haben sollen ihre sportliche Leistung zu steigern. Ist der russische Sport dafür prädestiniert? Zur Beantwortung dieser Frage muss zuerst einmal definiert werden was ist Doping? Eine einfache Definition für Doping gibt es leider nicht. Aufgrund der Vielfalt der angewendeten Wirkstoffe und der unterschiedlichen Methoden des Betruges ist es bisher nicht gelungen den Begriff Doping in einem kurzen Satz zu definieren. In der offiziellen Definition der Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA) werden daher eine Reihe von Zuständen und Handlungsweisen aufgelistet, die als Doping geahndet werden. Die Definition ist dort seitenlang. Allgemein kann man sagen: Doping bedeutet das ein Sportler verbotene Medikamente einnimmt oder anwendet und dadurch eine unfaire und nicht trainingsbedingte Leistungssteigerung bewirkt. Mit anderen Worten - es ist das Eingeständnis der Schwäche des Athleten sowie der Inkompetenz des Trainers, den Sportler ohne Doping weiter zubringen. Dieses geschieht auf der ganzen Welt täglich und nicht nur in Russland. Was sind die Beweggründe für den Sportler zum Doping? Meistens werden ethische, juristische, medizinische und sportliche Gründe genannt. Wirtschaftliche und gesellschaftliche Gesichtspunkte werden in diesem Zusammenhang kaum erwähnt. Dieses, obwohl es doch hauptsächlich um das liebe Geld geht und dieses in jedem Sportverband und in jeder Sportart auf der Erde. Für dieses Geld führt der einzelne Sportler, wie jedes Unternehmen, für sich ganz persönlich eine individuelle Kosten-Nutzen-Analyse durch. Als Ergebnis kommt dann bei dieser Analyse heraus: es werden verbotene Substanzen eingenommen, wenn dadurch der erzielte Nutzen z. B. erhöhte Siegeschancen bei steigenden Preisgeldern und Einnahmen aus Werbeverträgen - die Kosten für Beschaffung und die gesundheitlichen Folgeschäden übertrifft. Gemäß der Prämienliste der Internationalen Biathlon Union (IBU) gibt es in dieser Saison für einen Platz auf dem Siegespodest bei einem Welcuprennen 10.000, -, 7.500, - und 5.000, - Euro Prämie, für den Gesamtwelcup werden 25.000, -, 20.000, - und 15.000, - Euro gezahlt. In anderen Sportarten wie z. B. Fussball, Boxen, Leichtathletik usw. liegen diese Preisgelder entschieden höher. Russland ist für internationale Sponsoren sehr attraktiv Noch viel höher sind die Sponsorengelder die fließen. Russland ist für internationale Sponsoren ein sehr attraktiver Markt, hier sind hohe Renditen zu erwarten. Zum Beispiel werden die russischen Skispringer mit modernstem Sprungmateriel von internationalen Firmen ausgestattet. Ein Pharmaunternehmen aus der Oberpfalz ist erst kürzlich mit über 100.000 Euro Sponsorengeld im russischen Skisprung eingestiegen. Weiterhin stehen ein Sportartikelhersteller aus der Schweiz und die deutsche Niederlassung des Energiekonzerns Gazprom dem Team zur Seite. Es sind aber nicht nur internationale Firmen die auf den russischen Sponsorenmarkt drängen, auch einheimische. So hatte die russische Olympia-Mannschaft in Turin massiven Ärger mit ihrem Bekleidungsausstatter Bosco di Cilegi. Die russische Firma mit dem italienischen Namen fordere wegen angeblicher Vertragsverstöße der Sportler eine Million US-Dollar Sponsorengelder zurück. Diese Summen locken jeden Sportler auf der internationalen Bühne.
Was sind die Kosten für den Sportler? Eine ARD-Reportage über illegale Therapien mit Stammzellen deckte auf: eine Art Gendoping wird Sportlern schon in Krankenhäusern angeboten. Diese gibt es für 15.000 Euro. Die Methode war wie viele andere Mittel auch klinisch kaum getestet. Dieses Gendoping konnte jeder Sportler erhalten, egal aus welchem Land er kommt. „Die Sportler spielen mit dem Tod und wissen es nicht einmal“, sagt dazu Ex-DDR-Athletin Ines Geipel, die selbst Opfer von staatlichem Zwangsdoping war. Nach Auskunft der russischen Staatsanwaltschaft betrieb der im Oktober/08 verstorbene Eishockey-Jungstar Alexej Tscherepanow monatelang Doping. Die Behörde stützte sich dabei auf die Ergebnisse von Urin- und Blutproben. Der erst 19-jährige Tscherepanow war beim Meisterschaftsspiel seines Klubs Avantgard Omsk kollabiert und wenig später verstorben. Tscherepanow hätte aber kein professionelles Eishockey spielen dürfen - niemals. Als offizielle Todesursache war eine Erkrankung der Herzkranzgefäße diagnostiziert worden, die schon seit Jahren bestand und auch bekannt war. Nur das Ergebnis zählt für Sponsoren und Politik auf der ganzen Erde Der Hintergrund des Dopings ist auf einer Ebene komplexer internationaler gesellschaftlicher Konstellationen angesiedelt und dieses ist ein internationales Erscheinungsbild und nicht nur für Russland spezifisch. Sponsoren geben Geld in den Sport um das wirtschaftlich Wichtige mit Hilfe sportlicher Akteure zu steigern. Der Sport ist nicht nur ein attraktives Werbemedium sondern auch ein interessanter Absatzmarkt für Konsumgüter. Die Sponsoren investieren dort, wo ihrem Erachten nach der grösste Nutzen erzielt werden kann und dazu zählt nun mal auch der russische Markt. Ebenfalls subventioniert auch noch die Politik in jedem Land den Spitzensport, vor allem um Aufmerksamkeit für Politiker und deren Wiederwahlinteressen herzustellen. Was eignet sich besser für die Herstellung von „Wir-Gefühlen“ und die Repräsentation des eigenen Landes im Ausland als sportliche Siege auf internationaler Bühne? So versuchen Politiker durch die Nähe zum Sport Eingang in die öffentliche Meinung zu erlangen und durch die Nähe zum Sportpublikum eine Gunst bei zukünftigen Wahlentscheidungen zu gewinnen. Nie zuvor waren so viele hohe Politiker aus der ganzen Welt zu einer Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele angereist, wie in Peking. Unter den mehr als 80 Staats- und Regierungschefs die zu der Zeremonie in Peking waren, waren der ehemalige US-Präsident George W. Bush, Russlands Ministerpräsident Wladimir Putin, Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy als damaliger amtierender europäischer Ratspräsident und auch Japans Ministerpräsident Yasuo Fukuda. Sport als internationale Präsentation eigener Interessen Politik und Wirtschaft in jedem Land nutzen also die weltweite Bühne des Spitzensports um sich sichtbar zu machen und sich ins rechte Licht zu rücken. Wirtschaft und Politik sind ebenso wie das Publikum uneinsichtig bezüglich ihrer Beteiligung und Rolle in der Dopingproblematik, zeigen eine Doppelmoral und konfrontieren Athleten und Sportverbände mit zahlreichem Beziehungsfallen. Politiker zeigen sich entrüstet wenn Sportler des Dopings überführt werden, fordern ein härteres Durchgreifen der Verbände und beteiligen sich mit Steuergeldern an der Dopingbekämpfung - wobei sie diesbezüglich deutlich knauseriger als bei der Förderung und Belohnung von Spitzenleistungen sind. Bei ausbleibender Medaillenausbeute kürzen sie die Fördergelder für die weniger erfolgreichen Sportarten. Nikolaj Durmanow Direktor der Antidopingkomission des russischen NOK sagte dazu: “Die Antidoping Labors beschaffen Ausrüstungen nur in Deutschland und in den USA, das erlaubt den nationalen Anti-Doping-Komitees ihre Proben zu vergleichen. Um das Wachstumshormon zu entdecken braucht man ein Gerät das eine Million Dollar kostet. Um dem Gen-Doping auf die Spur zu kommen braucht man fünf Geräte.” Es werden in Russland Millionen für Prämien ausgegeben aber nur ein Bruchteil davon für funktionierende Antidoping Labors. Dadurch wird natürlich den Sportlern und ihren Trainern eine weit geöffnete Tür geboten. Sponsoren wissen, dass nur ein als "sauber" erscheinender Sport langfristig ihre Werbeinteressen und Absatzinteressen bedient und Einnahmen sichert. Sie schreiben deshalb Anti-Doping-Klauseln in ihre Athletenverträge aber wechseln beim Versagen der von ihnen geförderten Athleten ebenfalls schnell zu erfolgreicheren Sportlern oder Mannschaften, die (noch) nicht des Dopings überführt worden sind. Und manchmal sogar auch nicht. Nach dem 20 Kilometer Geherwettbewerb bei den Olympischen Spielen in Peking sagte die Siegerin Olga Kaniskina aus Russland „ich komme aus einer Trainingsgruppe, wo die Hälfte gedopt ist”. Diese Aussage blieb ohne bekannte Folgen. Internationale Pharmakonzerne erzielen Millionengewinne Zu den maßgeblichen Treibern des Dopings zählen ebenfalls korrumpierte internationale Pharmakonzerne, die fünfmal so viel Anabolika und EPO herstellen, wie aus therapeutischen Zwecken eigentlich notwendig wäre. Dieses ebenfalls auf der gesamten internationalen Sportbühne. So geriet etwa der US-Biotechkonzern Amgen, dem es 1989 erstmals gelungen war EPO zur Behandlung von Blutarmut bei Krebs-und Nierenpatienten synthetisch herzustellen, ins Dopingzwielicht - Amgen setzte mit dem Präparat innerhalb eines Jahres sechs Milliarden Dollar um. Ärztlich verordnet wurden allerdings nur Ampullen im Wert von 1,5 Millionen Dollar. Laut einer aktuellen Studie des belgischen Senats werden etwa 80 Prozent der jährlichen Produktion von EPO und 84 Prozent der Wachstumshormone weltweit illegal im Sport abgesetzt. Die Sportler werden in eine Abhängigkeit gezwungen Die wichtigsten Konsequenzen aus dem internationalen Beziehungsgeflecht zwischen Spitzensport, Publikum, Wirtschaft und Politik lassen sich wie folgt resümieren: Die Siegesorientierung ist durch die dem Sport von außen verfügbar gemachten Ressourcen geradezu angetrieben worden. Viele Gelder fließen in die Vereine und Landesverbände. Hauptamtliche Trainer finden eine Anstellung und werden vertraglich auf die Erfolge ihrer Schützlinge gebunden. Aus Amateuren sind längst Vollzeit-Profis geworden die sich selbst in jenen Disziplinen mit ihrer Gesundheit hinzugeben haben in denen wenig Geld fließt. So geraten die Sportler durch den immer weiter eskalierenden Erfolgsdruck in eine Situation, in der sich die starke Nachfrage nach hochkarätigen Leistungen durch Publikum, Politik und Wirtschaft nicht mehr mit den begrenzten körperlichen und psychischen Möglichkeiten in Einklang bringen lässt. Der Standpunkt vom Radprofi Alexandre Vinokourov belegt dieses „Es ist halt unser Beruf, Gesundheitsfragen sind unsere eigene Angelegenheit. Wir sind von den Sponsoren, vom Geld, von Rekorden abhängig“. Alte Traditionen zählen einfach nicht mehr Die inneren Kontrollmechanismen die der Sport in Gestalt von Fairplay-Orientierungen traditionell ausgebildet hat geraten immer mehr unter Druck. Die noch unter den Bedingungen einer geringen gesellschaftlichen Bedeutung des Leistungssports entstandene Sportmoral verflüchtigt sich in zunehmender Weise. Legale Innovationen wie Technik, Taktik und Training werden nicht länger als alleinige Motoren für die Steigerung sportlicher Leistungen angesehen. Ungewollt aber unvermeidlich wird ein heimliches Experimentieren in den Grau- und Verbotszonen der Leistungsförderung überall in der Welt des Sports angeregt. Dopingmöglichkeiten werden von den Sportlern nicht mehr gemäß Fairness-Normen verworfen, sondern unter Kosten/Nutzen-Gesichtspunkten abgewogen und gegebenenfalls klammheimlich ergriffen. Doping ist somit eine vorgeprägte und rationale Wahlhandlung. Sozial als legitim angesehene Ziele wie sportliche Erfolge und Siege werden mit illegitimen Mitteln verfolgt. Die oftmals enormen aber zumeist mit zeitlicher Verzögerung eintretenden gesundheitlichen Risiken werden entweder verdrängt oder zähneknirschend in Kauf genommen. Ursachen für Doping sind nicht rein Russland typisch Bis hierher sollte klar geworden sein, dass eine personenfixierte und lediglich auf Kontrolle und Bestrafung setzende Auseinandersetzung mit der Dopingproblematik vollkommen an der Sache vorbeigeht. Die Ursachen sind auf der Ebene internationaler komplexer gesellschaftlicher Konstellationen angesiedelt. Entscheidend ist, dass auch diejenigen Akteure, von denen der Erfolgsdruck ausgeht, diesen nicht einfach abstellen können. Auch sie handeln nicht aus freien Stücken und regen nicht mutwillig zu Normverstößen an, sondern unterliegen ihrerseits strukturellen Zwängen. Letztlich handelt jeder Akteur aus seiner Sicht völlig rational - internationale Wirtschaftsunternehmen wollen mit dem Spitzensport werben und Produkte verkaufen, staatliche Instanzen wollen Nähe zum Sportpublikum herstellen, Politiker auf dem ganzen Globus sind darauf aus die eigene Wählbarkeit zu steigern und das Publikum will an spannenden Sportereignissen teilhaben. Das Resultat des Zusammenwirkens all dieser nachvollziehbaren und legitimen Interessen ist die Antwort auf die Frage: Warum Doping. Und dieses ist kein Phänomen des russischen Sports allein sondern geschieht täglich überall auf der Welt. Welche Rolle spielt Russland im Dopinghandel? Den größten Drahtziehern im schmutzigen Sportgeschäft, nämlich den weltweiten Dopingnetzwerken, ging Sandro Donati Italiens renommiertester Dopingbekämpfer, im Auftrag der WADA auf die Spur. Seine Erkenntnisse: Die Dealer von Heroin und Wachstumshormonen sind in den meisten Fällen dieselben. Die wesentlichsten Routen des weltweiten Dopinghandels decken sich mit jenen des Drogenhandels. Der größte Player im Schwarzmarkt ist die „Russenmafia“. 20 Prozent des globalen Umsatzes laufen von Russland und Ex-UdSSR-Ländern nach Westeuropa, Nordamerika und in den Mittleren Osten. Und die Situation in Russland lässt auch Vermutungen zu, dass hier das Organisierte Verbrechen mitmischt. Nikolai Durmanow hält den Kampf gegen das Doping für verloren, zumal vor dem Hintergrund der seiner Meinung nach katastrophalen Entwicklung in Russland, er sagte dazu: „Tausende arbeitslose Chemiker, ein unregulierter Arzneimittel-Markt und unzählige Talente, die mit dem Sport ihrem elenden Leben entfliehen möchten, bei uns sind alle Voraussetzungen gegeben, um alles nur noch schlimmer zu machen. Russland könnte in Sachen Doping für Europa das werden, was Kolumbien in Sachen Kokain für die USA ist". Weiterhin betonte er: “Gemäß den geltenden Regeln kommt heute sowohl der Arzt als auch der Trainer, dem es einfällt, seine Zöglinge mit anabolischen Präparaten „nachzudüngen“ gleich hinter Gittern. Gemäß dem Artikel 234 des Strafgesetzbuches der Russischen Föderation werden viele anabole Steroide solchen Drogen wie Kokain, Heroin und Marihuana gleichgestellt“. Da kann man nur hoffen, dass dieses auch umgesetzt wird und die Dopingsünder und die dafür Verantwortlichen hinter Gittern kommen Gleißner/Russland-Kurier/Perm Mehr Info: www.russland-kurier.de Newer news items:
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